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Beheimatung in der digitalen Präsenzlehre? (Digitale Lehre III)

von | Mrz 14, 2021

Selbst für die technisch optimale Situation vorhandener Hardware- und Software-Infrastruktur, digitaler Kompetenz, und nicht störenden Umgebungsbedingungen befürchtet der Kognitionspsychologe Christian Stöcker im SPIEGEL negative Folgen:

„Auf bewegten Bildchen in der Größe einer Kreditkarte können wir Menschen das, was in einem normalen Gespräch selbstverständlich mittransportiert wird, nicht richtig erkennen: nonverbale Signale, Gesichtsausdrücke, kleine Gesten, die Körperhaltung. Das erzeugt eine permanente unbewusste Anstrengung bei dem Versuch, das Gegenüber zu ‚lesen‘.“

Miteinzubeziehen ist hier freilich die Veränderbarkeit von Wahrnehmungsgewohnheiten, die Habitualisierungseffekten unterliegen (zur Historizität und Kultürlichkeit der Sinne vgl. z.B. Vannini/Waskul/Gottschalk 2012). Nach Sarah Pink et al. (2016: Pos. 2039) ist die Art und Weise, in der Kopräsenz bedeutsam wird, durch kulturelle Kontexte und Normen geformt, die festlegen, wie Intimität ausgedrückt wird, sowie durch Verhaltenserwartungen. Eine auf die synchrone digitale Lehre bezogene Veränderung der Interaktionsgewohnheiten deutet der bereits zitierte Tagungsbericht an:

„Virtuelle Sitzungen mit Teilnahmepflicht für alle wurden von einigen Vortragenden bereits als ‚Präsenzveranstaltungen‘ bezeichnet. Die Entkörperlichung des Präsenzbegriffs hat begonnen.“

Hinsichtlich der Frage, inwiefern dies so wahrgenommen wird, sind Unterschiede entlang von Generationszugehörigkeit und der Zentralität digitaler Medien für das eigene berufliche und Freizeitverhalten zu vermuten. In einigen Teilgruppen der Gesellschaft, die sich bereits vor Jahrzehnten mit (Audio-)Chats und Videokonferenzen vertraut gemacht haben, hat diese Habitualisierung schon längst eingesetzt. Zu nennen sind hier z.B. das Militär oder die bereits erwähnten Gamer:innencommunities. Hinzu kommt eine stark unterschiedliche Bereitschaft, sich mit digitalen Medien auseinanderzusetzen. Ein Teil des Widerstandes gegen synchrone Video-Lehre ist sicherlich mit der Sehnsucht nach physischer Nähe in der Pandemiesituation zu erklären. So führt Houben aus: „Wenn ko-präsente Interaktionen abnehmen, Interaktionen damit also voraussetzungsreicher werden, nimmt die Bedeutung von Körpern und Beziehungen paradoxerweise zu.“

Dennoch setzen die beschriebenen Habitualisierungsprozesse bereits ein. Man kann sich Formen der Aneignung technologischer Interfaces und damit technogener Räume in diesem Kontext nähern, indem man sie als Beheimatungsstrategien analysiert. Entscheidend ist für Heimat nach Simone Egger (2014) und mit Hermann Bausinger die sozial-emotionale Komponente des Bezugs und der subjektiv bedeutsamen (affektiven) Beziehung zu Orten, Menschen, Dingen und Tätigkeiten, die Herstellung von Bedeutungen über das Gemeinsame, Vertraute. Gefühle der Zugehörigkeit, des Angenommenseins oder Sichwohlfühlens, und der Teilhabe können auch über BBB entstehen. Relevant sind für eine Beheimatung Handlungsfähigkeit und Kontrolle, also Möglichkeiten, den Raum als Gestaltbaren zu erleben. Dazu gehören, wie es Bausinger formuliert hat, „verlässliche Beziehungen und Erfahrungen“ und, so Ina Maria Greverus und Alena Dausacker, Sicherheit im Sinne der Kontingenzminderung. All dies ist auch in Videokonferenzen erlebbar, eine stabile Datenverbindung vorausgesetzt – dies sicherzustellen, sollte für Universitäten und Politik oberste Priorität besitzen.

Literatur

Egger, Simone (2014): Heimat. Wie wir unseren Sehnsuchtsort immer wieder neu erfinden. München: Riemann-Verlag.

Pink, Sarah/Horst, Heather/Postill, John/Hjorth, Larissa/Lewis, Tania/Tacchi, Jo (2016): Digital ethnography. principles and practice. Los Angeles u.a.: Sage.

Vannini, Phillip/Waskul, Dennis D./Gottschalk, Simon (2012): The Senses in Self, Society, and Culture: A Sociology of the Senses. New York: Routledge.

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